Leseprobe
Band 2
»Das Haus mit den Knochen von Gott«
von Georgios Grigoriadis
(Seite 16 – 19)
…
Als dann endlich die Weihnachtsferien kamen, waren wir Hinterbänkler unsagbar froh, Stäudles Klauen zumindest für ein paar Wochen zu entrinnen.
An einem Samstag kurz nach Neujahr stand Babe vor unserer Tür. Er wollte in den neuen Superman-Film, den ersten seiner Art, damals noch mit Christopher Reeve. Doch vorher sollte ich mir unbedingt eines seiner Weihnachtsgeschenke anschauen.
»Was ist das?«, fragte ich.
»Geschichte von Zauberer von Oz«, sagte Babe, rollte das R und ließ alle Artikel weg, die er nicht brauchte.
»Aha.«
»Pass auf. Wenn du Zauberer suchst, nimmst du gelben Weg, siehst du?«
Er zeigte mir Bilder. Da waren eine Vogelscheuche, ein Löwe, ein Roboter und ein Mädchen, die auf einem gelben Weg marschierten.
»Ich bin Roboter, Jo ist Löwe, du bist Strohmann, weil du so dünn bist.«
»Jo ist auch dünn.«
»Aber du bist dünner.«
»Und wer ist das Mädchen?«
»Kai-Uwe.«
Wir lachten.
»Guck!«, sagte Babe. »Zauberer hat Apparat hier für Wünsche.«
Er zeigte mir ein Bild, auf dem der Zauberer von Oz an einer riesigen, dampfenden Maschine fummelte.
»Aber Zauberer kann nicht helfen. Weil Zauberer kann nicht zaubern. Deswegen hat er Apparat. Aber Apparat kann auch nicht zaubern. Apparat ist wie unsere Eltern. Er kann nicht helfen.«
»Und welchen Wunsch hast du?«, fragte ich in dem Glauben, dass es Babe einfach nur um sein neues Buch ging.
»Na, Stäudle loswerden.«
Er blätterte weiter.
»Das hier ist böse Hexe von Westen.«
Wow. Das war ein echter Augenöffner. Babe musste mir nichts erklären. Die Hexe des Westens sah aus wie die Stäudle. Eingehüllt in farblose Kleidung hatte sie auf allen Bildern ihre Hände auf Brusthöhe gefaltet. An ihrem Hinterkopf klebte derselbe Dutt. Auf ihrer Nase steckte dieselbe Brille, durch die zwei eiskalte, graue Augen schauten.
»Frau Stäudle ist Hexe von Westen«, sagte Babe, und ich verstand. Es war mehr als einleuchtend. Der Zauberer von Oz hatte Frau Stäudles wahren Charakter für die ganze Menschheit offengelegt.
»Was sollen wir damit machen? Zur Polizei?«
»Nein Gege. Polizei hilft uns nicht. Keiner hilft uns. Wir müssen uns selbst helfen.«
Wie sollten wir uns selbst gegen eine Hexe helfen, wenn nicht nur unsere Eltern, sondern auch die Polizei machtlos waren. Wir waren Kinder. Und Jos Vater würde seinen Sohn eher windelweich prügeln, bevor er ihn auch nur bei den Hausaufgaben unterstützte.
»Jede Hexe hat Hexenhaus, wo Teufel sagt, was Hexe tun soll«, sagte Babe.
»Weißt du etwa, wo die Stäudle wohnt?«
»Nein, Wohnung ist Tarnung. Hexenhaus ist Haus, wo wir im Sommer waren. Wo Jo Jacke verloren hat. Wo gelber Weg ist.«
Ich hatte es nicht vergessen. Nach dem, was wir im vergangenen Sommer dort erlebt hatten, passte Babes kindliche Annahme, es sei Stäudles Hexenhaus, besser als jede andere Erklärung.
Das Gemäuer befand sich auf einem Teil des Schlossbergs, unweit der neu gebauten Siedlungen. Die Rückseite schmiegte sich auf eine Weise in den Hang hinein, dass der Waldboden und die Spitze des Dachs eine Einheit bildeten. Ohne hinaufklettern zu müssen, konnten wir von oben her zwischen den Bäumen heraustreten und auf dem First vom einen Ende des Dachs bis zum anderen laufen. Von dort aus überblickten wir die ganze Stadt. Die Mauern bestanden aus demselben weißen Fels wie das alte Jagdschloss. An vielen Stellen überwucherte Moos die kopfgroßen Steinquader und ließ sie hier und da bröselig werden, wenn wir mit den Fingern darin pulten.
Und es führte tatsächlich ein gelber Weg dorthin. Irgendjemand hatte fünfzig bis hundert Meter vom Haus entfernt einen Eimer gelber Farbe im Wald ausgeleert.
Die Farbe brachte uns letztlich zu dem Haus, als wir ohne ein bestimmtes Ziel zu haben, durch den Wald schlenderten.
…
© Georgios Grigoriadis und Shadodex – Verlag der Schatten/Edition Moonflower
(www.verlag-der-schatten.de)
»Das Haus mit den Knochen von Gott«
von Georgios Grigoriadis
Taschenbuch
ISBN: 978-3-98528-302-6
104 Seiten
Preis: 6,00 €
E-Book
ISBN: 978-3-98528-303-3 (epub)
Preis: 2,99 €