"Rote Meere" von A.K. Buchmann
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Ein Luxusliner.
Unterdrückte Vampire.
Und ein unfassbarer Plan.
Nach einem traumatischen Jugenderlebnis hat Holly Salem ihr Leben in den Dienst von THIRTEEN STRIPES gestellt, der Geheimorganisation zur Kontrolle des Vampirbestands für Nordamerika. Doch ein tödliches Experiment, das sie an einem Elitesoldaten durchführen muss, beginnt ihr Weltbild zu zersetzen. Schließlich ist sie sich ihrer Überzeugungen nicht mehr sicher. Einzig ihrer besten Freundin könnte sie sich nun anvertrauen. Aber die befindet sich für verdeckte Ermittlungen auf einem Luxusliner und ahnt nicht, dass ein abtrünniger Vampirsoldat im Begriff ist, den Nordatlantik in ein Meer aus Blut zu verwandeln.
Ein packender Genremix auf See, der sich vom klassischen Vampirbild löst.
Grusel meets Spannung und psychische Untiefen.
Ihr wollt mehr von A. K. Buchmann und ihren Protagonisten Reinhard Sperber, Jeremiah Winters und Nina Jüngst?
Reinhards Geschichte lest ihr in "Tiefe Gräben" und Ninas in "Die Einsamen und die Toten".
Unterdrückte Vampire.
Und ein unfassbarer Plan.
Nach einem traumatischen Jugenderlebnis hat Holly Salem ihr Leben in den Dienst von THIRTEEN STRIPES gestellt, der Geheimorganisation zur Kontrolle des Vampirbestands für Nordamerika. Doch ein tödliches Experiment, das sie an einem Elitesoldaten durchführen muss, beginnt ihr Weltbild zu zersetzen. Schließlich ist sie sich ihrer Überzeugungen nicht mehr sicher. Einzig ihrer besten Freundin könnte sie sich nun anvertrauen. Aber die befindet sich für verdeckte Ermittlungen auf einem Luxusliner und ahnt nicht, dass ein abtrünniger Vampirsoldat im Begriff ist, den Nordatlantik in ein Meer aus Blut zu verwandeln.
Ein packender Genremix auf See, der sich vom klassischen Vampirbild löst.
Grusel meets Spannung und psychische Untiefen.
Ihr wollt mehr von A. K. Buchmann und ihren Protagonisten Reinhard Sperber, Jeremiah Winters und Nina Jüngst?
Reinhards Geschichte lest ihr in "Tiefe Gräben" und Ninas in "Die Einsamen und die Toten".
Leseprobe
„Rote Meere“
von A.K. Buchmann
(S. 63 – 72)
„Rote Meere“
von A.K. Buchmann
(S. 63 – 72)
Dinnerjackets
Nordatlantik, 1998
NORTHERN STAR
Nordatlantik, 1998
NORTHERN STAR
Nina Jüngst hatte es sich bei ihrem ersten Blick auf den Oceanliner im Hafen von Southampton nicht anmerken lassen, aber die NORTHERN STAR war bereits von außen betrachtet ein beeindruckendes Schiff. Ihre Form erinnerte mit den abgestuften Aufbauten an eine Yacht. Die farbliche Gestaltung war von ebensolcher Eleganz. Bis knapp über die Wasserlinie war der Kiel blau lackiert, dann ging der Schiffskörper in nachtschwarz über. Die Aufbauten strahlten weiß. Der schwarze Schlot wurde bis auf drei Viertel seiner Höhe von blauen Verkleidungen gerahmt.
Auch im Innern stand die STAR ihrem ersten Eindruck in nichts nach. Unzählige Holzarten mussten verbaut worden sein. Sie zeigten sich in Form geschwungener Geländer, Holzvertäfelungen und Bodenbelägen. Blaue, rote und mit großen Ornamenten gemusterte Teppiche luden dazu ein, sich in der Lobby, den Kabinen, den Restaurants und sogar in den langen Gängen heimisch zu fühlen. Die Ausstattung ließ zudem keine Wünsche offen. Es gab unzählige Restaurants, Bars, Geschäfte, Fitnessräume, Pools und sogar eine Bibliothek sowie ein Theater. Darüber hinaus war das Schiff vom obersten Deck, auf dem sich die Brücke befand, bis hinunter zum Kiel vollgestopft mit Kunst – Gemälde, Büsten, Modelle. Gerade bestaunte sie drei im Kreis angeordnete Pferdebüsten, auf denen ein goldener Schein ruhte. Die Nüstern der Tierdarstellungen, die in der Mitte des Northwater Restaurants aufragten, waren gebläht, die eleganten Köpfe angewinkelt, die Mähnen vom Wind aufgestellt. Form und Struktur ihrer geschwungenen Hälse erinnerten an Seepferdchen und verloren sich in den ikonischen Wellen, die von unten blau angestrahlt wurden. Von der dargestellten wilden Raserei des Ozeans, der seine Wellen wie ungezähmte Rosse vor sich hertrieb, hatte sie, seit sie zusammen mit ihrem Opi am vergangenen Morgen an Bord gegangen war, allerdings noch nichts mitbekommen. Der Atlantik schien grenzenlos, aber er war friedlich wie ein altes Pony. Nina konnte nicht leugnen, dass der Gedanke an seine Urgewalt sie in Aufregung versetzte. Bei der Sicherheitsschulung durch die Crew, die alle Passagiere am ersten Bordtag erlebten, wurden sie auch in die Rettungsboote eingewiesen, die unterhalb des ersten Decks an Stahlträgern baumelten. Von dem Balkon ihrer Suite aus konnte sie in die roten Bäuche sehen. Mittschiffs, weiter hinten, waren die Tenderboote angebracht, die über eine Kabine verfügten. Beim Anblick der Statue stellte Nina sich einmal mehr vor, wie die Boote auf dem Rücken der Wellen hin und her gerissen wurden. Wie mochte es sich anfühlen, mitten auf dem Atlantik den Urgewalten ausgeliefert zu sein? Vermutlich war es eine aufregende Mischung aus Angst und Freiheit. Ein Gefühl, das ihrer eigenen Natur entsprach.
»Nicht, dass ich den Aufenthalt auf dem Schiff nicht genießen würde«, sagte sie und sah ihren Opi an, der rechts von ihr an dem runden Tisch saß. »Aber ein bisschen mehr Action könnte schon nicht schaden.«
Der alte Mann wandte den Blick von einem großen Gemälde an der Wand ab, das einen Seerosenteich zeigte, und hob seine buschigen Brauen. In seinen Augen blitzte es. »Was ist aus deiner Ansicht geworden, dieses Schiff mit all seinen überalterten Kapitalisten sei – und ich zitiere dich – der Inbegriff der Dekadenz.«
Sie sah sich um. Noch saßen beide alleine am Tisch, obwohl für sieben Leute gedeckt war. Opi redete sich in Fahrt und sie erkannte ihre eigenen Formulierungen wieder.
»Ein Babylon mit Schornstein … schwimmendes Rom … Spielzeug einer …«
»Ja doch! Ich muss zugeben, dass es wirklich beeindruckend ist, aber eben auch ein bisschen langweilig.«
»Du könntest zusammen mit dem Klassenfeind ein wenig Shuffleboard an Deck spielen.«
»Sehr lustig!«
»Jetzt mal ehrlich, Kind …« Der Alte fixierte sie mit bernsteinfarbenen Augen. »… dass deine Schulnoten für ein solches Stipendium ausreichen, beeindruckt mich sehr! Wie hast du das nur geschafft? Als wir an Bord gegangen sind, habe ich mit einer winzigen Kabine irgendwo im Bauch des Schiffes gerechnet, aber diese Räumlichkeiten, die sie uns zur Verfügung gestellt haben, sind unglaublich! Man fühlt sich fast wie der König von England. Ich bin sehr stolz auf dich!«
»Danke!« Sie spürte, wie sie rot anlief. Opi war für gewöhnlich recht wortkarg, über Gefühle sprach er kaum, am wenigsten über seine eigenen. »Es freut mich, dass dir die Reise gefällt. Ehrlich gesagt, hatten Papa, Mutti und ich befürchtet, du könntest dich etwas übernehmen.«
»Es ist anstrengend«, sagte Opi schlicht.
»Oh!« Sie hatte mit einer positiveren Antwort gerechnet. Irgendetwas wie, dass einen alten Wolf wie ihn so schnell nichts umbrächte, aber er wirkte in der Tat müde. Am Nachmittag hatten sie an einer Führung teilgenommen und über das gesamte Schiff verteilte Ausstellungsstücke aus der Geschichte der Universe-Reederei besichtigt. Sie hatte Opi mehrfach dabei beobachtet, wie er durch die Nase gegähnt und sich bei jeder Möglichkeit gesetzt hatte. Ob sie es wollte oder nicht, sie musste sich wohl damit abfinden, dass er alt war.
Er zupfte an seinem Krawattenknoten. »Diese ganze Maskerade an Bord macht mir zu schaffen, Kind. Es ist gar nicht so leicht, die Form zu wahren.« Er sah sich um. »Du verstehst, was ich meine?«
Nina verstand nur zu gut.
Einer der weiß livrierten Kellner steuerte, ein merkwürdiges Paar im Schlepptau, auf ihren Tisch zu. Der Mann war groß, ohne riesig zu sein, er bewegte sich mit der aufrechten Selbstsicherheit eines Athleten. Die Frau, die sich bei ihm untergehakt hatte, war … das genaue Gegenteil. Was ihr an Höhe fehlte, glich sie durch Breite aus. Obwohl das schwarze Kleid wohl kaschieren sollte, fühlte Nina sich unwillkürlich an einen Weihnachtsbaum erinnert, der für den Transport durch einen Trichter in ein Netz geschoben worden war.
»Sind die ein Paar?«, flüsterte sie Opi zu.
»Kann schon sein.«
»Pinky und Brain!«
»Wie bitte?«
»Das ist eine Trickfilmserie über zwei Mäuse. Pinky ist groß und dünn und dumm und Brain …«
»Verstehe. Sei jetzt lieber ruhig! Du weißt nie, wer Deutsch spricht!«
Der Kellner wies den beiden Neuankömmlingen ihre Plätze zu. Die Frau plumpste auf den mit dunkelblauem Stoff überzogenen Stuhl neben Nina. Der Mann blieb stehen und reichte erst ihr, dann Opi die Hand und nannte seinen Namen.
»Scott Blondell.«
Er war wirklich außergewöhnlich attraktiv, obwohl Nina nicht hätte sagen können, was ihn anziehend machte. Normalerweise ließ sie sich nicht so leicht von gebräunter Haut, dunklen Augen oder einem trainierten Körper beeindrucken.
Opi stellte erst Nina und dann sich selbst vor.
»Sorry«, sagte die Frau, »my fault! My name is Barbara Widerhold.«
Ihr deutscher Akzent war unüberhörbar.
»Wir kommen auch aus Deutschland«, sagte Nina lächelnd und hoffte im selben Moment, dass Barbara nicht bemerkt hatte, dass sie über sie lachte.
Wie ist sie nur an diesen Adonis gekommen?
Nina stolperte über ihre eigenen Gedanken. Andere derart zu verurteilen, gehörte sich nicht! Sie selbst kannte das Gefühl der Andersartigkeit zu genau. Sie sollte es besser wissen. »Dann können wir ja Deutsch sprechen«, sagte sie vorschnell.
»Ist Herr Blondell auch der Sprache mächtig?«, fragte Opi.
Barbara winkte ab. »Ja, ja!«
Der Mann nickte.
»Seid ihr auch so gespannt auf den Kapitän?«, fragte die Frau, als seien sie alte Freunde, und strich sich durch die leicht zerzausten, blonden Haare.
Nina sah Opi verwirrt an. Er räusperte sich. »Uns war nicht bewusst, dass wir am Kapitänstisch sitzen. Wie kommen wir denn zu der Ehre?«
»Die Passagiere sind handverlesen, soweit mir bekannt ist.« Scott Blondell öffnete die beiden Knöpfe seines Jacketts und setzte sich. »Während unserer Schiffsführung hat jemand gefragt, wie es möglich wäre, an den Tisch zu gelangen.«
»Das hat bei uns auch jemand gefragt«, warf Nina ein. »Ich dachte, sorgfältig ausgewählt bedeutet etwas wie …« Sie überlegte, wie sie sich ausdrücken sollte.
»… stinkreich!«, fasste Barbara ihre Gedanken in Worte.
»Ja, genau.«
»Es ist mir auch ein Rätsel, warum ausgerechnet wir ausgesucht wurden«, bemerkte die Frau. »Ich bin jedenfalls nicht reich!« Sie warf ihrem Begleiter einen fragenden Blick zu.
»Ich auch nicht!«, sagte er schnell.
»Schade! Ich hatte gehofft, du seist nur geizig. Dann ist bei der nächsten Kreuzfahrt wohl keine größere Kabine drin. Zur Not musst du deine Rolex zum Pfandleihhaus bringen.«
»Sie ist nur geliehen.« Blondell zuckte aufgesetzt entschuldigend mit den Schultern. »Bedauere, Darling!«
Nina schüttelte den Kopf. »Nein, wir sind auch nicht gerade vermögend. Die Reise wird durch mein Stipendium finanziert«, sagte sie nicht ohne Stolz.
»Oh! Wow! So jung und schon ein Stipendium? Wie alt bist du? Sechzehn? Siebzehn?«, fragte Barbara.
»Ich bin neunzehn.«
Blondell hob anerkennend die Augenbrauen. »Ein Stipendium! Meinen Glückwunsch! Wofür hast du es erhalten?«
»Ich habe sehr gute Noten in allen Naturwissenschaften. Außerdem habe ich einen Artikel über die Möglichkeit einer Gestaltveränderung beim Menschen auf Basis der spontanen Neuanordnung der DNA geschrieben, auf den eine amerikanische Organisation aufmerksam geworden ist, die wissenschaftliche Projekte von Jugendlichen fördert. Und die finanzieren mir nun ein Studium an einer angesehenen Universität.« Nina lächelte beschämt. Aus dem Augenwinkel bemerkte sie Opis milden Blick.
»Beeindruckend! Aber wenn ich behaupten würde, dass ich verstanden habe, woran du arbeitest, würde ich lügen«, sagte Blondell.
»Sie arbeitet an der Frage, ob Menschen spontan die Form ändern können, wenn sich ihre DNA, warum auch immer, neu anordnet. Du kennst doch Die Fliege, oder? Herrgott Scott, sag mir, dass du diesen Film kennst!«
»Das Prinzip ist ein anderes als in dem Film«, versuchte Nina zu schlichten.
»Hab ich schon kapiert, Schätzchen«, sagte Barbara und beugte sich näher zu Nina. »Aber ich glaube, dass er es nicht verstanden hat«, flüsterte sie.
»Der letzte Naturwissenschaftsunterricht liegt bei mir schon etwas zurück«, bemerkte Blondell. »Theorien liegen mir nicht. Ich bin ein Mann der Tat.«
Er musste entweder ziemlich naiv sein oder er verfügte über einen Geduldsfaden aus Metall. Immerhin hatte seine Begleiterin ihn gerade zumindest indirekt als dumm dargestellt. Anhand seines wachen Blicks und seiner flüssigen Deutschkenntnisse vermutete Nina allerdings, dass er keinesfalls unterbelichtet war, auch wenn Barbara sie das aus unerfindlichen Gründen glauben lassen wollte.
»Da ist er!« Barbara deutete auf die Tür am anderen Ende des großen Raumes und riss Nina aus ihren Gedanken.
Kapitän Shepard trug eine schwarze Uniform. Sein Jackett schloss eine doppelte Knopfreihe und war an den Ärmeln mit vier goldenen Streifen abgesetzt. Zielstrebig lief er durch das Restaurant, nickte vereinzelten Passagieren zu und schüttelte ein paar Hände. Am Tisch angekommen deutete er eine Verbeugung an und stellte sich vor. Nina, Opi, Barbara und Blondell erhoben sich höflich und schüttelten ihm, wie tags zuvor beim Kapitänsempfang, die Hand.
Shepard deutete auf die Stühle, nahm als Letzter neben Opi Platz. Die beiden Stühle zu seiner Rechten blieben frei. Routiniert ergriff er das Wort, erkundigte sich über den bisherigen Reiseverlauf, versicherte sich der Zufriedenheit mit dem Service an Bord und sprach über die noch bevorstehende Seeroute, während der Kellner Champagner einschenkte und die Speisekarten verteilte.
Ein weiteres Paar wurde zum Tisch eskortiert, das sich in Ninas Bild wohlhabender Kreuzfahrtpassagiere einfügte. Der Mann und die Frau mochten zwischen sechzig und siebzig sein. Selbstverständlich folgten die beiden ebenfalls dem geforderten Dresscode für die Abendveranstaltung. Das bodenlange Kleid der Dame fiel mit seinem engen Schnitt etwas zu jugendlich aus, war aber zweifellos auf dem neusten modischen Stand. Es war weiß, aber mit schwarzem Tüllstoff überzogen, auf dem wiederum ein großes florales Muster aufgestickt war. Der ältere Herr trug ein schwarzes Dinnerjacket und unterschied sich hinsichtlich der Kleidung nur durch die Fliege von den männlichen Passagieren am Tisch, die alle eine Krawatte trugen. Erst beim zweiten Hinsehen bemerkte Nina das Fehlen seines rechten Arms. Aus dem Ärmel lugte eine hautfarbene Prothese.
»Ah! Misses and Mister Linger!« Kapitän Shepard erhob sich und auch die anderen am Tisch wollten es ihm gleichtun, aber Linger fuhr dazwischen.
»Oh no! Ladies and gentlemen! Please take seat! I’m sorry for being late!« Er wandte sich Shepard zu. »You have a wonderful ship, Sir. But, to my shame, it is a labyrinth!«
Shepard lachte etwas zu laut. Er prostete unter einem nicht enden wollenden Strom aus Floskeln, den Abend und die weitere Reise betreffend, seinen Gästen zu. Anschließend gab er eine Anekdote zum Besten, in der es um seine eigenen Irrwege während der ersten Tage an Bord der NORTHERN STAR ging.
Nina sah zu Opi, der mit offenem Mund den zuletzt hinzugekommenen Herrn Linger anstarrte.
»Alles in Ordnung, Opi?«, flüsterte sie.
Er schluckte und sah sie an. »Ja, Kind. Alles in bester Ordnung.« Sein Lächeln wirkte hölzern.
Linger wurde auf ihn aufmerksam und fragte, ob ihm nicht wohl sei.
Besorgt drehten ihm alle am Tisch den Kopf zu. Er winkte ab. Der Kapitän fragte, ob er medizinischen Beistand benötige.
»I’m fine! Thank you, Sir!« Er fragte den Kapitän nach dem Einsatz der STAR während des Falkland-Kriegs. Nina schürzte, das Ablenkungsmanöver ahnend, die Lippen. Shepard griff das Thema dagegen dankbar auf und verfiel in einen ausufernden Monolog über die Einsätze der Universe-Schiffe als Truppentransporter im Verlauf des zwanzigsten Jahrhunderts, den er nur unterbrach, als der Kellner die Bestellungen aufnahm. Opi hörte aufmerksam zu, nur wenn er sich unbeobachtet wähnte, huschte sein Blick immer wieder zu Herrn Linger.
Ob sich die beiden kannten? Opi hatte einen Mann dieses Namens nie erwähnt, aber er sprach auch nicht viel über seine Vergangenheit, abgesehen von seiner Zeit in Russland. Diese Geschichten kannte Nina auswendig. Hauptsächlich drehten sie sich um die Weite der Tundra, um wilde Wölfe und den ungetrübten Nachthimmel.
»Setz junge Männer an einen Tisch und sie sprechen über Fußball, setz alte Männer an einen Tisch und sie sprechen über Krieg!«, flüsterte Barbara ihr zu.
Nina kicherte hinter vorgehaltener Hand. Das lose Mundwerk der Frau gefiel ihr, wie sie zugeben musste. »Was machen Sie beruflich?«, fragte sie höflich.
Vertraulich beugte sich Barbara noch näher zu ihr. »Ich bin bei der AÜV, Deutschland Mitte.«
»Nie gehört. Gehört das zum TÜF?«
»Nein, nein! Mit Autos habe ich nichts zu tun.« Sie warf einen Blick in die Runde, um sicherzugehen, dass die Männer sich weiterhin unterhielten, aber Nina war ziemlich sicher, dass Scott Blondell nur so tat, als gelte dem Kapitän seine ungeteilte Aufmerksamkeit. Seine Miene schwankte zwischen leidlich unterdrücktem Grinsen und Augenrollen.
»Ich bin die Leiterin der Abteilung zur Überwachung des Vampirbestands für den Bereich Deutschland Mitte«, sagte Barbara todernst.
Nina wusste nicht, was sie darauf erwidern sollte. Sie blinzelte.
»Du lachst ja gar nicht!«
»Ähm, ja doch!« Nina setzte ein schiefes Grinsen auf und sah von Barbara zu Blondell, der mit den Augen rollte und ihr zuzwinkerte. Sie beschloss, auf das Spiel einzugehen. »Sie meinen, solche Vampire wie im Fernsehen? Ich habe mal so einen Film gesehen, in dem Vampire in einem verdunkelten Wohnmobil durch die USA fahren und Menschen aussaugen.«
»Den Film kenne ich! Near Dark, nicht wahr?«
»Ich glaube, so hieß er.«
»Meine Aufgabe besteht darin, genau das zu verhindern. Sie sind meldepflichtig. Sie sollen nicht durch die Gegend ziehen und wahllos Menschen um deren Blut erleichtern«, sagte Barbara im Plauderton.
Nina fand Gefallen an dem absurden Gespräch. »Und wie regulieren Sie ihren Bestand? Halten Sie Ihnen Kreuze unter die Nase oder besprühen Sie sie mit Weihwasser oder werden sie einfach ins Tageslicht gestellt?«
Barbara lachte herzlich und fuhr mit einer Ernsthaftigkeit fort, als spräche sie über den Weltfrieden. »O nein! Kreuze und Weihwasser machen Ihnen nichts aus. Mit der Sonne ist es so eine Sache. Die Exemplare der jüngsten Generationen reagieren mitunter sehr heftig darauf, aber sie zerfallen nicht zu Staub. Sie vertrocknen schlicht wie eine Pflanze, die man nicht gießt. Um der Sonne zu trotzen, müssen sie einfach genug trinken … Im Grunde genommen, sind sie tatsächlich wie Pflanzen. Fleischfressende Pflanzen, um genau zu sein … Ewig junge, fleischfressende Pflanzen. Ihr Metabolismus ist in der Lage, mithilfe eines bestimmten Enzyms, das sich im menschlichen Blutplasma befindet, ihre eigene Zellalterung aufzuheben, mitunter sogar umzukehren.«
»Sie können also sogar wieder jünger werden?«
Barbara nickte.
»Die Pharmaindustrie würde wahrscheinlich auch noch den letzten Rest ihrer Seele an den Teufel verkaufen, wenn sie diesen Effekt nutzbar machen könnte«, überlegte Nina laut.
»Wie gut, dass sie von nichts wissen. Aber wer weiß, wie lange wir das noch geheim halten können …« Sie zwinkerte Nina zu und fuhr fort. »Jedenfalls locken die Vampire ihre Opfer mit so einem Pheromon an. Pheromone sind Botenstoffe. Sie dünsten sie quasi mit jeder Zelle ihres Körpers aus. In diesem Fall ist das Pheromon ein Lockstoff, der die Opfer …« Sie dämpfte die Stimme zu einem Raunen. »Es macht sie gefügig, manche auch beinahe willenlos, wenn du verstehst, was ich meine. Das scheint auch vom Willen des Opfers abzuhängen.« Sie warf Blondell einen Seitenblick zu.
Er musterte sie mit schief gelegtem Kopf. »Sie ist Verwaltungsfachangestellte«, erklärte er schlicht.
© A.K. Buchmann und Shadodex – Verlag der Schatten
»Rote Meere«
von A.K. Buchmann
ISBN (Taschenbuch):
978-3-98528-042-1
332 Seiten, Preis: 16,00 €
ISBN (epub): 978-3-98528-043-8
4,99 €
Angaben zur Produktsicherheit:
Hersteller:
Shadodex - Verlag der Schatten, Bettina Ickelsheimer-Förster
Ruhefeld 16/1, D-74594 Kreßberg-Mariäkappel
E-Mail: info@verlag-der-schatten.de
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Shadodex - Verlag der Schatten, Bettina Ickelsheimer-Förster
Ruhefeld 16/1, D-74594 Kreßberg-Mariäkappel
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