Leseprobe
Band 1
»Die Dunkelheit nach dem Zwielicht«
von A.K. Buchmann
(Seite 36 – 39)
… Auf dem Boden seitab des Papiers lagen, nur schemenhaft zu erkennen, eine Reihe alter Fotos. Vermutlich schwarz-weiß. Er machte einige Schritte auf die Fotografien zu und hob eine auf. Sie zeigte zwei Menschen nebeneinanderstehend, im Hintergrund sah man das Haus. Der Mann schien in seinem Alter zu sein, vielleicht etwas jünger, und der Jugendliche (war es ein Junge oder eine junge Frau?) ähnelte Lucy in seiner Feingliedrigkeit und den kurz geschnittenen, blonden Haaren. Ungläubig hielt Max das Foto näher vor sein Gesicht und drehte sich ins spärliche Licht. Er kniff die Augen zusammen.
Tatsächlich! Er sieht aus wie Lucy!
Max riss sich von dem Foto los und suchte erneut nach dem Lichtschalter. Seine Augen hatten sich endlich an die Dunkelheit gewöhnt, sodass er ihn diesmal sah. Ein weißer Kippschalter direkt neben der Luke.
Er drückte darauf, das Licht ging an und warf einen blassen, gelben Schein von der Decke, der den Dachboden jedoch nicht gänzlich erhellen konnte. Er spähte noch einmal zu der Gestalt, die in ihrer fahlen Unbeweglichkeit nichts anderes sein konnte als eine Schaufensterpuppe, und betrachtete das Foto erneut. Dann drehte er es um. Auf der Rückseite stand in geschwungener Schrift »Sommer 1943«. Wiederum musste Max lachen. Erst lächelte er nur, dann lachte er laut auf, während alle Anspannung von ihm abfiel.
Darauf war er also eifersüchtig gewesen? Auf alte Fotos in einem alten Haus!
Warum hat sie mir die nicht gleich gezeigt?
Er legte das Foto an den Platz zurück, von dem er es genommen hatte. Dann stieg er die Leiter wieder hinab, während er vor sich hin pfiff.
Auf halbem Weg fiel ihm ein, dass er vergessen hatte, das Licht wieder auszuschalten. Er kletterte zurück. Mit dem weit ausgestreckten linken Arm angelte er auf der obersten Sprosse nach dem Kippschalter.
Neben dem Schalter stand die Gestalt und sah auf ihn herab. Eine blonde Strähne fiel ihr ins Gesicht. Sie trug ein weißes Nachthemd.
Max hielt in der Bewegung inne. Die Furcht fuhr ihm kalt in den Magen.
Die Gestalt öffnete langsam den Mund, da zog er hastig den Arm zurück, rutschte an der Leiter hinab. Er sah noch, wie die Lippen ein Wort formten. Der Laut wurde verschluckt von seinem eigenen schnappenden Atem. »Verräter!«, las er aus der Bewegung.
Er schrie auf. Ungelenk versuchte er die Leiter zurückzuschieben und brauchte zwei Versuche, bis sie einrastete. Dann warf er die Luke mit aller Kraft zu. Der Schlag hallte auf dem Dachboden und dem Flur wider, riss ihm an den Trommelfellen und schürte das kalte Feuer seiner Angst, das ihm im Magen und dem Gedärm brannte. Er zerrte den Greifstock aus der Öse an der Decke und rannte die Treppe hinunter, nahm immer zwei Stufen auf einmal. Im Flur des ersten Stockes verlor er das Gleichgewicht und stürzte gegen die Wand. Der grobe Putz schürfte ihm auf Höhe des rechten Jochbeins die Haut auf. Er kam wieder auf die Füße und taumelte, ohne die Wunde weiter zu beachten, die Treppe zum Erdgeschoss hinunter. Dort riss er seine Jacke vom Haken, hängte den Greifstock in einer mechanischen Bewegung zurück und stürzte aus dem Haus.
Minuten später jagte er den A6 durch das Industriegebiet. Erst als er auf Höhe der Bäckerei Borst um ein Haar mit einem anderen Auto kollidierte, das sich durch den Nebel tastete, kam Max wieder zu Sinnen. Der Fahrer des anderen Wagens hupte laut. Max hob die Hand, ohne den Blick auf den anderen zu richten, und bog nach Venigenburg ab. Von den Häusern und Höfen konnte er nichts erkennen, nur die Zäune ragten erkennbar hinter den schmalen Bürgersteigen aus dem zähen Dunst hervor. Erst als er das Schild an der Straße sah, wusste Max, warum er ausgerechnet in die Kleinstadt gefahren war. Er bog auf einen Hof ab und parkte sein Auto neben dem dort stehenden SUV.
Das Büro des Immobilienmaklers Döring lag im Erdgeschoss seines Wohnhauses. Durch das große Panoramafenster fiel Licht nach draußen, er musste also anwesend sein. Max drückte die Tür auf und eilte hinein.
Noch ehe Döring aus dem schweren Ledersessel aufstehen und einen Gruß aussprechen konnte, rief Max: »Was für ein Haus haben Sie uns da verkauft, zum Teufel noch mal?«
…
© A.K. Buchmann und Shadodex – Verlag der Schatten/Edition Moonflower
(www.verlag-der-schatten.de)
»Die Dunkelheit nach dem Zwielicht«
von A.K. Buchmann
Taschenbuch
ISBN: 978-3-98528-300-2
100 Seiten
Preis: 6,00 €
E-Book
ISBN: 978-3-98528-301-9 (epub)
Preis: 2,99 €