Leseprobe
Band 3
»Stellwerk«
von Eve Grass
(Seite 18 – 22)
…
»Mama, soll ich dir frische Wäsche rauslegen?«, klang es in Ann-Katrins Ohren.
Diesen Satz hatte sie wahrgenommen. Was ihre Tochter zuvor schon alles gesagt oder gefragt hatte, war durch die Windungen ihres Gehirns hindurchgesickert wie Sand.
»Du wirkst heute wieder schrecklich apathisch. Was hast du nur? Soll ich einen Arzt rufen?«, setzte Clara besorgt fort.
Seufzend schob sie ihren Oberkörper gegen das Rückteil des Bettes. Die Bilder der Erinnerung waren noch immer vorhanden und schmerzten. Heftig schüttelte sie den Kopf. In solchen Momenten war ihr die Anwesenheit Claras beinahe lästig.
»Es ist noch nicht spät. Lass mich einfach noch eine Weile liegen. Irgendwann werde ich schon aufstehen«, antwortete sie gequält.
Ihre Tochter fand diese Antwort anscheinend nicht zufriedenstellend. Sie schob sich seufzend den Hocker, der vor einer alten Frisierkommode stand, ans Bett und setzte leicht belehrend fort: »Es ist acht Uhr morgens. Du hast mir versprochen, dass du die Hunde rauslässt in den Garten. Wenn du dich um die Tiere nicht mehr kümmern kannst, dann müssen wir sie in gute Hände abgeben.«
Wie sie diese Belehrungen aus dem Mund Claras hasste. Das Mädel war zwar eine erwachsene Frau, aber ihres Erachtens zeigte sie zu wenig Respekt.
Nachdem ihr Ehemann Bodo vor mehr als zehn Jahren bei einem Autounfall sein Leben ausgehaucht hatte, hatte sich viel verändert.
Ihr Gatte war mit seinem Chauffeur unterwegs gewesen, als es passierte. Der dunkle Mercedes war ins Schleudern geraten und gegen einen Baum geprallt. Man hatte Bodo von Halbrechtshausen noch reanimiert, aber letztendlich war er eine Woche später seinen schweren Kopfverletzungen erlegen. Der Chauffeur, der eigentlich auch schon im Rentenalter war, hatte den Unfall wie durch ein Wunder überlebt. Man munkelte, dass der Baron den Sicherheitsgurt nicht angelegt hatte. Doch den genauen Unfallhergang hatte man bis heute nicht voll aufklären können, denn Herbert, der den Wagen gefahren hatte, gab den Führerschein freiwillig ab und zog sich nach dem Unfall vollständig von der Familie von Halbrechtshausen zurück.
Jetzt waren Clara und die Haushälterin zu ihrem Lebensmittelpunkt geworden. Doch die bohrenden Fragen der Tochter, die sie weder beantworten konnte noch wollte, belasteten sie sehr.
Als hätte Clara genau diese Gedanken erraten, änderte die abrupt den Tonfall und murmelte: »Letzte Nacht hatte ich einmal mehr den seltsamen Traum. Wieder erschien da das Kind. Es lockte mich in ein Wäldchen, und da stand eine Ruine. Dickes Mauerwerk, umrankt von Efeu, es war alles so realistisch. Das Mädchen verschwand zwischen den verwitterten Steinen, als wolle es mir etwas zeigen. Sag, Mama, kannst du dir einen Reim drauf machen? Wer könnte das Kind mit den Locken sein? Irgendwie sah es dir ähnlich.«
Kalte Schauder jagten über den Rücken der alten Dame.
Nein, sie würde dazu nichts sagen. Die Vergangenheit musste ruhen. Warum nur zerrte man immer wieder an den verdorrten Halmen des Gewesenen, die aus den Ritzen einer fest verschlossenen Tür in ihrem Gehirn hervorragten? Auch Bodo hatte das zu Lebzeiten noch getan. Jetzt war er tot.
Sie zischte ihrer Tochter entgegen: »Du hast geträumt, nicht mehr und nicht weniger. Ich kann dir da nicht weiterhelfen.«
»Aber ich spüre, dass es irgendetwas mit dir zu tun haben könnte. Dieser Traum will mich auf ein Geheimnis hinweisen. Versuche doch dich zu erinnern! Kennst du ein Waldstück, in dem eine Ruine …«
»CLARA!«, schrie sie die Tochter an, dann schwang sie stöhnend ihre Beine aus dem Bett. Sie waren geschwollen und schmerzten. »Ich will nichts mehr von deinen seltsamen Hirngespinsten hören. Ich kenne weder eine Ruine im Wald noch ein Mädchen mit blondem Haar.« Sie erhob sich. »Und nun werde ich die verdammten Köter in den Garten lassen.«
»Woher weißt du denn, dass das Kind in meinem Traum blonde Haare hatte?«, fragte Clara gefährlich leise nach.
Ann-Katrin zuckte zusammen, hatte sich aber sofort wieder im Griff.
»Das hast du mir wahrscheinlich das letzte Mal gesagt. Du hast mir ja schon so oft von deinen paranormalen Visionen erzählt.«
Die Schwarzhaarige atmete tief ein, dann antwortete sie ganz leise: »Nein, Mama, die Haarfarbe des Mädchens habe ich dir nie verraten.«
Sie erhob sich wie in Zeitlupe vom Hocker und verließ das Schlafzimmer ihrer Mutter. Ann-Katrins starren, beinahe panischen Blick konnte sie nicht mehr sehen.
...
© Eve Grass und Shadodex – Verlag der Schatten/Edition Moonflower
(www.verlag-der-schatten.de)
»Stellwerk«
von Eve Grass
Taschenbuch
ISBN: 978-3-98528-304-0
100 Seiten
Preis: 6,00 €
E-Book
ISBN: 978-3-98528-305-7 (epub)
Preis: 2,99 €