Leseprobe
Band 4
»Das Geheimnis des verborgenen Zimmers«
von Shada Astart
(Seite 31 – 34)
…
»Du hättest mich wirklich besser nicht mit hierher genommen.« Kayleigh war ihrer Mutter mittlerweile ganz nah. »Ihr hättet das Geheimnis mit ins Grab nehmen können. So aber habt ihr mir die Gelegenheit gegeben, es zu entdecken. Ich meine den Raum. Den komplett eingerichteten Raum.« Kayleigh kniff die Augen zusammen, während sie versuchte, den überrumpelten Blick ihrer Mutter aufzufangen und festzuhalten. »Ist das der Grund, weshalb du partout nicht wolltest, dass eine Fremdfirma mit der Räumung beauftragt würde?«
Das eigentlich nicht erwartete »Ja« ihrer Mutter war leise. Kaum mehr als ein Flüstern. Ihre Stimme klang brüchig. Als ob sie mit einem Tränenausbruch kämpfen würde, gegen den sie schon bald verlieren sollte. Ihr Gesicht bestätige es. Die Lippen bebten plötzlich, obgleich sie versuchte sie zusammenzupressen. In den Augen sammelte sich immer mehr Tränenflüssigkeit, während sie sagte: »Auch du hättest ihn nie finden dürfen.« Sie wandte sich ab, als die ersten Tränen ihre Augenwinkel verließen. »Wir hätten dich wirklich zu Hause lassen sollen, Kayleigh. Ich hätte wissen müssen, dass du nicht gehorchst und anfängst zu stöbern, anstatt zu helfen.« Auch wenn ihre Worte anklagend und wie wütend auf sich selbst klangen, schwang doch ein Bedauern mit und etwas, das resignierend wirkte.
Bettina ahnte, dass es zu spät war, die Entscheidung zu bereuen, die sie in jene, nun ausweglos scheinende Situation geführt hatte. Konfrontiert mit dem begangenen Fehler fand sie sich nun in die Ecke gedrängt wieder, ohne Möglichkeit dem zu entkommen, was unweigerlich folgen sollte: die Erklärung für den versteckten Raum.
Sie wusste, dass sie sich dem nicht mehr würde entziehen können. Kayleigh würde nicht lockerlassen. Sie würde nicht nachgeben und ein Verschieben auf einen späteren Zeitpunkt nicht dulden. Dafür war sie zu stur. Zu neugierig. Und vor allem zu entschlossen. Bettina konnte es in ihrem jungen Gesicht lesen. Es gab kein Zurück mehr. Sie musste mit der Sprache rausrücken. Ihr die Wahrheit sagen. Eine Wahrheit, die ihr selbst lange Zeit verschwiegen worden war und in die sie ihren Ehemann gezwungenermaßen und erst vor wenigen Tagen eingeweiht hatte, weil sie es bis dato nicht übers Herz gebracht hatte, das verborgene Zimmer unter dem Dach auszuräumen und damit alles verschwinden zu lassen, was an das große Geheimnis, das ihre Großeltern seit 1977 gehütet hatten, erinnerte.
Wie gern hätte Bettina die Erinnerung daran, was ihr von ihm geblieben war, zeit ihres Lebens aufrechterhalten. Wie lieb wäre es ihr gewesen, nicht loslassen zu müssen. Das, was noch greifbar war. Von ihm.
Noch immer trieb ihr die Erinnerung an seinen Tod im Herbst 2009 die Tränen in die Augen. Ohne Chance sich dagegen zu wehren. Sie trübten ihren Blick, den sie von Kayleigh abzuwenden versuchte. Verschleierten ihn, als ob sie sagen wollten: Wisch uns weg, dann wischst du vielleicht auch die Vergangenheit weg.
Tu es!
Versuch es nur!
»Mama?«
Kayleighs besorgt klingende Stimme drang nur leise an ihr Ohr.
»Was ist los?«
Wie schnell dieses Mädchen umschalten konnte. Von stur auf verständnisvoll. Von wütend auf besorgt …
»Mama!« Kayleigh schlang die Arme um ihre Mutter. Sie konnte nicht anders. Die Frau, die sie geboren hatte, derart und binnen weniger Sekunden so fertig mit den Nerven zu sehen, zeigte ihr deutlich, dass dieses Geheimnis düsterer war, als sie es sich ausgemalt hatte. Was war es, was ihre Mutter so bedrückte? »Das wollte ich nicht. Wirklich nicht!« Kayleigh drückte sie fest an sich. Tröstend. Beruhigend. »Ich wollte nicht, dass …«
Sie brach ab, als ihre Mutter sie sanft, aber bestimmt an den Armen fasste und von sich schob.
»Was ist los, weil du so heftig auf diesen Raum reagierst?« Vergeblich versuchte sie, den Blick ihrer Mutter aufzufangen.
Der aber wanderte in Richtung Boden und blieb an einem imaginären Punkt hängen.
Ausweichend. Schweigend.
So leicht kam sie Kayleigh aber jetzt nicht davon. Es war zu spät. Sie hatte den Raum entdeckt und die wahrlich nicht erwartete Reaktion ihrer Mutter hatte ihr verraten, dass es nicht nur eine Art Spielzimmer gewesen war. Außer es hatte wirklich noch ein weiteres Kind hier gelebt.
…
© Shada Astart und Shadodex – Verlag der Schatten/Edition Moonflower
(www.verlag-der-schatten.de)
»Das Geheimnis des verborgenen Zimmers«
von Shada Astart
Taschenbuch
ISBN: 978-3-98528-306-4
100 Seiten
Preis: 6,00 €
E-Book
ISBN: 978-3-98528-307-1 (epub)
Preis: 2,99