Zwei Weltkriege.
Zwei verlorene Generationen.
Ein gemeinsames Schicksal.
Und eine Frage: Wer ist die Bestie?
In den Gräben des Ersten Weltkriegs kämpfen die Brüder Reinhard und Eberhard am Ende der Hoffnung gegen Gas und Hunger. Als sie versprengt werden, scheint ihr Tod unausweichlich. Doch eine seltsame Begegnung und ein unerwarteter Fund retten ihr Leben. Der Preis dafür besteht im Verlust ihrer Menschlichkeit. Umgehend durchlebt Reinhard eine Metamorphose, die das Tier in ihm weckt. Eberhards Verwandlung in eine Bestie vollendet sich dagegen erst viel später während des Zweiten Weltkriegs und vertieft den Graben, der sich bereits 1916 zwischen den Brüdern aufgetan hat.
Seit Jahrhunderten werden wir Menschen in unseren Albträumen von Kreaturen heimgesucht. Aber vielleicht sind wir schlimmer als sie.
Ihr wollt mehr von A. K. Buchmann und ihren Protagonisten Reinhard Sperber, Jeremiah Winters und Nina Jüngst?
Jeremiahs Geschichten lest ihr in "Rote Meere", und Ninas in "Die Einsamen und die Toten".
„Tiefe Gräben“
von A.K. Buchmann
(S. 20 – 27)
…
Die Sonne begann hinter den endlosen Gräben zu versinken und in Reinhards Stimme schwang Hoffnung mit. »In der Dunkelheit können wir es wagen, Eberhard!«
Der Angesprochene lag auf dem Rücken im Dreck und betrachtete ausdruckslos das letzte Licht des Tages am diesigen Himmel.
»Wir können es dann wagen, was meinst du?«
Es war eine rhetorische Frage, so viel war Eberhard klar. Sein Bruder hatte die Entscheidung längst gefällt.
Reinhard kroch auf allen vieren durch den Granattrichter, ein kreisrundes Loch, das ein Artilleriegeschütz in den französischen Boden gerissen hatte, mit einem Durchmesser von rund fünf Metern und einer Tiefe von etwa zwei Metern. Die Seiten aus verbrannter Erde ragten steil auf. In diesem Explosionskrater suchten die beiden Brüder seit dem Vormittag vor dem Maschinengewehr Schutz.
In der Hoffnung, dass der Schütze nicht bemerkt hatte, wohin sie entwischt waren, wagte Reinhard es zum ersten Mal, über den Kraterrand zu spähen. Dabei schob er seinen Körper, der stets gedrungen wirkte, obwohl er schlecht ernährt war, vorsichtig nach oben.
»Weit und breit nichts zu sehen. Weder Freund noch Feind.« Er blickte Eberhard über die Schulter hinweg an, der sich das öde Niemandsland zwischen den beiden nahezu unbeweglichen Frontlinien vorstellte, über das der Herbstwind in Erwartung eines erbarmungslosen Winters tobte und die letzten Dunstschwaden des vergangenen Gefechts vor sich hertrieb.
»Ich kann immer noch nicht weit sehen. Der letzte Orientierungspunkt, den ich hatte, war dieser Zaunpfahl.« Er rutschte zurück in den Trichter. »Wenn es dunkel ist, gehen wir zurück!« Reinhard stieß ihn barsch in die Seite.
»Wir wissen doch nicht mal, in welche Richtung wir müssen. Wir haben die Orientierung verloren«, insistierte Eberhard und schloss die Augen.
Reinhard beugte sich nahe an sein Gesicht heran. Sein Atem strich über Eberhards Wange. »Doch! Natürlich wissen wir das! Die Sonne geht im Westen unter. Wir müssen also in die entgegengesetzte Richtung, dann finden wir zu unseren Leuten zurück.«
»Woher willst du das wissen? Vielleicht liegen wir hinter unseren eigenen Leuten?«, bemerkte Eberhard.
»Kannst ja hingehen und nachsehen!«
»Blutende Finsternis.«
»Hör auf, so was zu sagen! Du klingst, als seist du nicht bei Sinnen. Wir gehen zurück und holen uns unsere Ration Suppe ab.«
Eberhard öffnete die Augen.
Suppe!
Er dachte weniger an den Geschmack von Steckrüben oder gar Fleisch als vielmehr an die Wärme, die sie in seinem Inneren erzeugen könne. Er würde langsam schlürfen und jeden Schluck genießen. Er würde andächtig den Nebel beobachten, der von ihr aufstieg.
Der Nebel …
»Was ist, wenn das Gas kommt?«, fragte er beunruhigt.
»Dann können wir immer noch sterben!«, entgegnete Reinhard und kroch wieder durch die schwere, klumpige Erde des Trichters. »Das kann uns überall erwischen, weißt du doch!« Auf der gegenüberliegenden Seite scharrte er mit den Händen in der Erde der Steigung. Seine Finger waren überzogen von einem Geflecht weißer Narben.
Eberhard hob den Kopf und beobachtete ihn. »Was machst du da?«, fragte er.
»Hier müssen wir raus und dann immer in die Richtung laufen.« Reinhard deutete mit einer von Dreck und Ruß dunkel gefärbten Hand nach Osten, die letzten Strahlen der Sonne im Rücken. An die Wand des Trichters hatte er eine Markierung gezogen, die aussah wie ein Dreieck ohne Grundlinie.
»Fändest du ein Kreuz nicht passender?«, fragte Eberhard.
Sein Bruder kommentierte die Bemerkung mit Schweigen.
Eberhard fuhr fort: »Wir haben keine Masken. Und wenn das Gas kommt …«
»Ich weiß«, seufzte Reinhard. »Wenn das Gas kommt. Heute Morgen ist kein Gas gekommen.« Er ließ sich an der Ostseite des Trichters auf den fleckigen Hosenboden sinken und lehnte sich an den steil aufragenden Erdwall. Den Karabiner legte er sich über den Bauch. »Wir müssen hier weg«, flüsterte er. »Es ist nur eine Frage der Zeit.«
»Er starb für uns, unsere Liebe sein Lohn«, zitierte Eberhard.
»Ich sage, hör auf damit!«
»Das ist Fontane. Weißt du das nicht mehr?«
»Das hat doch keinen Sinn, dieser ganze Scheiß, den sie uns eingetrichtert haben. Ehrenvoll zu sterben. Hast du hier schon mal einen ehrenvoll sterben sehen? Hier verrecken sogar die Offiziere.«
Eberhard schwieg und sah wieder hoch zum Himmel, der in Purpur brannte, ohne dabei zu wärmen.
Reinhard lag richtig. Der Krieg hatte sie betrogen. Als sich die Brüder Sperber vor mehr als zwei Jahren mit siebzehn und achtzehn Jahren freiwillig gemeldet hatten, glaubten sie fest daran, einen Ehrendienst am deutschen Volk zu vollbringen. Obwohl – eigentlich war es Reinhard gewesen, der seinen Bruder überzeugt hatte, mit ihm zusammen zum Militär zu gehen. Er war schon als Kind mutiger gewesen und hatte an Ehre und Tapferkeit geglaubt. Sein Bruder würde sicherlich einen guten Offizier abgeben, überlegte Eberhard, einen, der noch einen Funken Anstand besaß, den man nicht erschießen wollte, sobald er einem den Rücken zuwandte.
Während Eberhard bereits nach der ersten Schlacht alle Ideale zugunsten seines nackten Überlebens aufgegeben hatte, schien Reinhard sich auch nach zwei Jahren Krieg nicht schrecken zu lassen. Den Kopf hielt er stets aufrecht auf den Schultern, den Blick nach vorn gerichtet. Eberhard war froh, dass er so war. Anders hätte er das alles nicht ausgehalten. Die erste Schlacht, die sie erlebt hatten, war in Flandern gewesen. Unebenes Gelände hatte den Vormarsch erschwert. Sie wateten durch Bachläufe und schlugen sich durch dorniges Gestrüpp. Niemand wusste genau, wo es langging, aber sie liefen unermüdlich vorwärts, bis die Stille zerfetzt wurde und der Junge rechts von Eberhard fiel. Eberhard verstand nicht, was geschah. Für einige Sekunden sah er zu, wie der andere versuchte aufzustehen, dabei immer wieder ungelenk zu Boden sank, als stimme etwas nicht mit ihm. Mit aufgerissenen Augen sah er Eberhard an, der ihm die Hand reichte, um ihm aufzuhelfen, da packte ihn Reinhard und zog ihn zu einem nahen Bachlauf. Die Hand des anderen entglitt Eberhard. Er wollte Reinhard zurechtweisen, erst da bemerkte er, dass der Bruder ihn anbrüllte. Er solle mitkommen und Deckung suchen. Mit dem Bauch im Wasser und Reinhards Hand auf seiner Wange, die seinen Kopf fest nach unten in den Schlick des Ufers drückte, sickerte ihm langsam die Erkenntnis in den Verstand, der nur langsam arbeitete. Auf sie war geschossen worden und das Leben seines Kameraden ging gerade zu Ende, ohne dass einer von ihnen den Feind überhaupt zu Gesicht bekommen hatte. Später fragte sich Eberhard, ob der andere im Gegensatz zu ihm verstanden hatte, was geschah, ob er in dem Moment wusste, dass er starb. Eberhard musste lange an diesen ersten Sterbenden zurückdenken, der auch er hätte sein können. Er säte in ihm die Überzeugung, dass der Krieg ein Würfelspiel war, bei dem manche Glück und manche Pech hatten. Er sehnte sich nach einem Spiel, das mit Verstand und Durchhaltevermögen zu gewinnen war. Allein bei diesem ersten Angriff sah Eberhard Dutzende Sterbende, aber keiner war ihm jemals wieder so nahe gegangen wie der erste. An wie vielen Toten er im Laufe des Krieges vorbeigegangen war, wusste er nicht. Er hatte aufgehört, sie zu zählen. Die Artillerie und die Maschinengewehre hatten es ihm ohnehin schwer gemacht, den Überblick zu behalten. Dann aber war das Gas gekommen. Es überschwemmte die Gräben mit Leichen, und Eberhard hörte bald auf, ihnen Nummern zu geben. Nicht nur, weil das ein unmögliches Unterfangen war, sondern auch, weil das Gas alle Aufmerksamkeit forderte. Lautlos kroch es umher und wählte seine Opfer, die, sobald sie es rochen, bereits so gut wie verloren waren. Hätte Eberhard seinen Bruder nicht, der ein untrügliches Gespür für den furchtbaren gelben Nebel hatte, wäre er längst tot. Davon war er fest überzeugt. Reinhard hatte Glück im Spiel. Aus diesem Grund gab es auch keinen anderen Weg, als Reinhards Plan zu folgen und mit Einbruch der Dunkelheit aus dem Trichter zu fliehen. Alles, wirklich alles, war besser, als unter konvulsivischen Zuckungen sein Leben auf den verdammten französischen Boden zu kotzen.
»Va!«
Eberhard hob den Kopf. »Was war das?«
Reinhard spähte über den Rand des Granattrichters in die Richtung, aus welcher der Ruf gekommen war. »Was soll das denn?«
Eberhard sah, wie sich die Stirn seines Bruders unter dem Helm in Falten legte. »Was?« Er drehte sich auf den Bauch und schob sich vorsichtig nach oben, bis auch er über das Niemandsland zwischen den Fronten blicken konnte. Der Dunst des Gefechts hatte sich inzwischen aufgelöst. Bandstacheldraht und Stacheldraht wanden sich keine zwanzig Meter entfernt entlang eilig eingehauener Holzpfosten zu einem behelfsmäßigen Zaun. »Gott steh uns bei!«, hauchte er. »Wir wären dem Franzmann um ein Haar in den Graben gefallen!«
»Va!«
»Da drüben!«, bemerkte Reinhard neben seinem Bruder.
»Was tut er da?«, fragte Eberhard.
»Hat wahrscheinlich den Verstand verloren, der arme Teufel«, vermutete Reinhard. »Auch eine Möglichkeit, zu entkommen.«
Eberhard war sich nicht sicher, ob das besser wäre, als zu sterben, während er den nackten Mann beobachtete, der mit erhobenen Armen durch die Einöde stolperte. Seine Unterschenkel bluteten. Er musste zuvor in einem der Zäune hängen geblieben sein. Unter der von Dreck fleckig dunklen Haut zeichneten sich die Knochen der Rippenbögen deutlich ab. Die Franzosen hatten wohl auch nicht genug zu essen.
»Va!«, rief er erneut und sah mit noch immer erhobenen Händen zum Himmel auf. »Ce qui est enterré ne doit pas être trouvé!«
»Was sagt er?«, fragte Reinhard.
»Wir sollen gehen und irgendetwas, das begraben ist, will nicht gefunden werden oder so ähnlich.«
»Als würde sich einer die Mühe machen, hier was zu vergraben«, schnaubte Reinhard. »Die Reste erledigen hier doch die Ratten.«
Unwillkürlich dachte Eberhard an die widerwärtigen Schädlinge. Sie kamen mit der Dunkelheit. Frech trippelten sie über einen hinweg, wenn man versuchte, mit dem Rücken an die Grabenwand gelehnt, zu schlafen. Ihre nackten Schwänze hinterließen ein schleifendes Geräusch.
Der Mann drehte den Kopf und sah in Richtung des Granattrichters, in dem die Brüder versteckt lagen. »Va!« Seine Augen nahmen einen wilden Ausdruck an.
»Er hat uns gesehen!«, flüsterte Reinhard entsetzt und ließ sich ein Stück tiefer rutschen, verlor den Franzosen dabei aber nicht aus den Augen.
Auch Eberhard zuckte zurück in den Schutz der Deckung und hielt die Hände über den Kopf.
»Der irre Franzmann kommt direkt auf uns zugelaufen!«, sagte Reinhard und griff fester nach dem Bajonett. »Er wird uns verraten!« Sein Atem begann stoßweise zu gehen, aber mit ein paar tiefen Zügen brachte er ihn unter seine Kontrolle.
Eberhard, der keinen nackten, wahnsinnigen Mann ausgerechnet mit einem Messer töten wollte, bewunderte einmal mehr den Mut seines Bruders, der mit der Ruhe eines Raubtiers sein Gewehr umfasst hielt und tun würde, was getan werden musste, sobald der Franzose ihnen zu nahe kam.
Eberhard hatte seines Wissens nach bisher keinen Mann getötet. Das übernahm Reinhard für ihn. Manchmal hatte er mit dem Bajonett zugestochen. Angeekelt hatte er die Klinge dabei beobachtet, wie sie durch die Uniformen der Belgier oder Franzosen gefahren war. Doch alle waren weitergelaufen. Alle.
Ein einzelner Schuss fiel, im selben Moment hob der Wind an, eine klägliche Melodie zu heulen.
Jemand rief: »Idiot!«
Eberhard erschauderte.
Reinhard ließ sich auf den Boden des Trichters rutschen. »Das war knapp! Noch ein paar Meter und er wäre wirklich hier rein gefallen.«
»Was ist passiert?«, fragte Eberhard.
»Die Franzosen haben ihn erschossen.«
»Bist du sicher?«
Reinhard seufzte. »Wer soll es denn sonst getan haben? Ich war es jedenfalls nicht. Der Schuss kam aus Westen.«
»Die Franzosen schießen auf ihre eigenen Leute?«
»Wundert dich hier noch irgendwas? Unsere Offiziere schießen auf uns. Hast du doch auch erlebt, oder nicht?«, fragte Reinhard und sah zum Himmel auf. »Na endlich! Die Sonne ist so gut wie weg.«
Eberhard schluckte schwer. Sein Bruder gab sich gleichgültig, aber er wusste, dass ihn das Erlebte nicht kaltließ. Einen armen Irren zu erschießen, war kein Krieg, das war Mord. Eberhard versuchte, nicht weiter darüber nachzudenken, und nahm stattdessen das Gespräch wieder auf. »Du hast recht. Wir müssen gehen, bevor sie ihren Toten holen.«
Reinhard lachte humorlos. »Warum sollten sie das tun? Wir müssen vielmehr aufpassen, dass sie uns nicht holen! Wir warten noch ab, bis es stockdunkel ist, bevor wir uns durchschlagen.«
Die Brüder verstummten. Es verging eine Stunde. Vielleicht waren es auch zwei, vermutete Eberhard, der zunehmend in Gedanken versank, die zunächst kaum über die Gräben hinausreichten. Er dachte an den nackten Franzosen. Vielleicht war es ja ein Segen, den eigenen Verstand vor dem Krieg zu verschließen. Oder war man dann mit dem Krieg zusammen eingesperrt, ohne die Möglichkeit, ihm zu entkommen? Er versuchte den Gedanken abzuschütteln, indem er sich sagte, dass jeder im Tod zu Gott fand. Das hatte der Herr Pfarrer ihnen beigebracht. Wie aber konnte Gott all das zulassen?
Plötzlich gab es nur eine Lösung für ihn: Gott existierte nicht. Alles, was ihm blieb, war dieses eine Leben auf Erden, das er und sein Bruder in diesem verdammten Krieg verschwendeten. Eberhard schwor sich, sollte er wie durch ein Wunder mit heiler Haut diesem Krieg entkommen, in seinem ganzen Leben nie wieder an eine Front zurückzukehren. Er würde sich eine angenehme Arbeit suchen. Eine Schreibstube schien ihm geeignet. Vater lebte es ihm vor. Er ging jeden Morgen fein gebürstet aus dem Haus und kam am Abend ebenso nach Hause. Dazwischen hielt er einen Griffel, dokumentierte Lagerbestände und schrieb Briefe. In einer Schreibstube würde er ruhig und konzentriert bis an das Ende seiner Tage vor sich hin arbeiten. Er würde die Hand sein, nicht der Spielstein.
…
»Tiefe Gräben«
von A.K. Buchmann
ISBN (Taschenbuch):
978-3-98528-022-3
328 Seiten, Preis: 16,00 €
ISBN (epub): 978-3-98528-023-0
4,99 €
Hersteller:
Shadodex - Verlag der Schatten, Bettina Ickelsheimer-Förster
Ruhefeld 16/1, D-74594 Kreßberg-Mariäkappel
E-Mail: info@verlag-der-schatten.de
Leider sind noch keine Bewertungen vorhanden. Seien Sie der Erste, der das Produkt bewertet.
Sie müssen angemeldet sein um eine Bewertung abgeben zu können. Anmelden