Leseprobe
Band 5
»Die Sichel«
von Falko Nammen
(Seite 41 – 45)
…
7
Zurück im Kloster saßen sie in den Privaträumen des Priors. Selene wollte das Thema Sibertus abschließen. »Wie es auch sei – ich wünsche ihm den erfolgreichen Weg zu seiner Schwester Anna. Aber dem Gaukler, wenn ich ihn wiedersehe bei dem Feste … Ich will doch glauben, dass ich den Spaßmacher mit seinem Fuchsschwanz am Hute und der lustigen Karojacke wiedertreffe. Es soll mir ein Spaß sein, ihm einen Scherz in die Hand hineinzulesen.«
Bruder Gottfried aber horchte auf. »Ein Fuchsschwanz am Hute? Und ein kariertes Wams? … Das hast du bisher nicht gesagt!«
»Rot und schwarz kariert und das schräg«, bestätigte sie. »Aber was hat …«
Er aber ließ sie nicht aussprechen, beute sich erregt vor, lauerte förmlich auf ihre nächsten Worte. »Und wie hat er gegrüßt?«
»Er sprang vor mich hin und rief … äh … ›Eccomi, Selena!‹.«
»Mein Gott, er ist es. Er ist es! Ich habe es schon befürchtet, vorhin. Aber jetzt ist es Gewissheit.« Als Selene nur fragend die Augenbrauen hob, fügte er hinzu: »Er ist es: Es ist der Harlekin!«
Selene blieb skeptisch: »Der Gaukler?«
Der Prior schüttelte den Kopf. »So wahr ich bekenne, dass es nur einen allmächtigen Gott gibt, so bekenne ich, dass es kraftvolle Mächte auf der anderen Seite gibt und dass der Harlekin eines ihrer Werkzeuge …« Mitten im Satz hielt er inne, warf den Kopf in den Nacken und fixierte einen imaginären Punkt an der Decke. »Wann ist er geflohen? … Am Dreißigsten? Am Morgen des Vollmonds, im Augenblick der Verdunkelung? … Sibertus, die Mauer, der Mond, der Harlekin. Ja …« Er wendete sich mit angehaltenem Atem zu Selene. »Das ist die Verbindung!«
Selene erwiderte seinen Blick zweifelnd.
»Er kommt nur, wenn es nötig ist – siehe die Mauer, der Mörtel, die Flucht des Sibertus und seiner Genossen. Das Urteil war gesprochen, jetzt aber kann es nicht vollstreckt werden. Vierfach fehlende Sühnung … Das ist die Quelle des Unglücks!«
»Und vor dem Männchen habt Ihr Angst deswegen?«
»Sein Aufzug ist nur äußerlich, glaub mir. Seine karierte Weste soll keine Furcht erzeugen. Es ist sein Tun, das die Furcht erzeugt; seine Mächtigkeit, die uns lehren sollte, Furcht zu fühlen! … War er irgendwie zudringlich?«
»Er war hungrig, fragte ständig nach Essbarem und auch in anderer Hinsicht sehr bedürftig, wie mir schien.« Sie schmunzelte. »Und das bei mir alten Frau …« Ihre Blicke trafen sich und sie verstanden sich.
»Er ist es, ich habe keinen Zweifel mehr.« Er stand auf und zündete eine Kerze vor dem Fenster an. Ein lateinisch gemurmeltes Gebet zu dieser hin schloss sich an. »Wenn er hier ist, dann bewegt sich etwas Großes. Er kommt nicht wegen Kleinigkeiten. Er schafft nicht nur an den Meilensteinen des Weltenlaufs – er macht sie. Die Flucht spielt eine Rolle, eine große Rolle. Jetzt sucht er den Sibertus.«
»Wenn es der Harlekin war! Es war ein Gaukler oder Artist von der Theatertruppe. Denkt Euch nur, wie er ins Gebüsch springen konnte.«
»Ein Sprung ins Gebüsch? Wenn er es war, sprang er ganz woandershin. Der Harlekin geht durch Raum und Zeit. Seine Ziele liegen in der Zukunft wie in der Vergangenheit. Das entscheidet das Gefüge, in dessen Auftrag er reist. Dafür bekam er die Kräfte, die es zu bekämpfen gilt. Aber jeder Sieg über ihn bedeutet, die Spannungen zwischen dem Hier und Da, zwischen dem Jetzt, Damals und Morgen auf ewig festzuschreiben. Aber das Gefüge ist für uns unverfügbar. Es muss daher sehr gut bedacht werden, was man tut. Je weniger wir eingreifen, desto sicherer für uns, für jetzt und für alles später. Darum Selene sage ich dir: Sibertus muss zurück!«
»Er ist geflohen und er wird weiter fliehen. Er kommt nicht zurück. Ich habe ihm aus der Hand gelesen. Er hat ein langes Leben ohne abrupte Störung.«
»Der Harlekin wird nicht aufgeben. Wenn es aber nicht Sibertus selbst sein soll, dann …«
»Was dann?«
»Was sagte die Hand über seine Söhne?«
»Darauf habe ich nicht geachtet. Welche Rolle spielt das?«
Bruder Gottfried setzte sich wieder an den Tisch. »Die anderen Mächte werden nicht eher ruhen, bis das Gefüge in seine eigene Ordnung zurückgekehrt ist. Es ist unfraglich das Unverrückbare in dieser Welt. Manche sagen ›Schicksal‹ und du magst Teile davon erlesen. Aber wie die Zahnräder ineinandergreifen, so ist das Hier und Jetzt auch mit dem Dort und Dann verknüpft. Wenn dem Harlekin seine Aufgabe nicht sobald gelingt, verfolgt er nach dem Sibertus die nächste Generation.« Er lehnte sich zurück. »Oder die übernächste. Er wird nie aufgeben.«
Selene blieb stumm vor Angst. Sie konnte nicht glauben, dass der freundliche Sibertus dem Tode geweiht war und dass dieses Schicksal auf seine Nachkommen übergehen sollte.
Bruder Gottfried aber wusste nun, was zu tun war. »Wenn in seiner Hand die Richtigkeit liegt, reicht unsere Zeit nicht aus! Ich werde mit den jüngsten meiner Konversen konferieren. Triff auch du deine Vorkehrungen!«
So schieden sie voneinander.
…
© Falko Nammen und Shadodex – Verlag der Schatten/Edition Moonflower
(www.verlag-der-schatten.de)
»Die Sichel«
von Falko Nammen
Taschenbuch
ISBN: 978-3-98528-38-8
108 Seiten
Preis: 6,00 €
E-Book
ISBN: 978-3-98528-309-5 (epub)
Preis: 2,99 €