"Welche Farbe tragen Engelsfedern?" von Eve Grass
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In den eiskalten Raunächten 1929 bangen die Einwohner von Eisenhütt um ihr Überleben. Ein Wesen aus uralter Mythologie wird daher um Hilfe gebeten. Doch die sogenannte »Gehörnte« fordert dafür eine menschliche Seele. Niemand ahnt, dass das ausgewählte Mädchen damit eine große Bürde übernehmen wird.
Theresia Bauer ist ein ganz besonderer Mensch. Sie ist vom »dunklen Engel« dazu auserwählt, die Waagschalen der Ewigkeit wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Im Laufe ihres Lebens verblasst die Erinnerung an diese essenzielle Aufgabe aber immer mehr. Mit fatalen Folgen, denn die Waage, in der nicht weniger als das Wohl der Weltbevölkerung liegt, gerät immer mehr aus dem Lot und die Menschen vergessen die »Gesetze der Ewigkeit«, welche ihre Existenz auf Erden sichern.
Religionen lehren uns seit Tausenden von Jahren, dass wir uns gegen das Böse zur Wehr setzen müssen. Doch wer definiert eigentlich, was gut und böse ist?
Taschenbuch
ISBN: 978-3-98528-030-8
372 Seiten, Preis: 17,00 €
E-Book (nicht hier im Shop erhältlich)
ISBN: 978-3-98528-031-5 (epub)
Preis: 5,99 €
Leseprobe
»Welche Farbe tragen Engelsfedern?«
von Eve Grass
(Seite 216 - 222)
»Welche Farbe tragen Engelsfedern?«
von Eve Grass
(Seite 216 - 222)
…
Wenig später fuhren Kurt, seine Gattin und Hannah zum Friedhof. Ada war mit dem Auto ihres verstorbenen Vaters und in Begleitung der Mutter bereits vor einer Stunde zu dem historischen Grabfeld nahe der Nürnberger Altstadt aufgebrochen. Die Sonne schien vom wolkenlosen Himmel und spottete dem traurigen Anlass, als die kleine Familie zwischen den üppig bepflanzten Gräbern hindurchschritt.
Kurt redete noch immer kein Wort. Der Tod des Vaters nahm ihn sichtlich mit. Georg hatte zeitlebens einen rauen Ton den Kindern gegenüber angeschlagen, aber er war Ada und ihm stets ein großes Vorbild gewesen. Selbst in den harten Kriegsjahren hatte niemand aus der Familie hungern oder frieren müssen. Kurt kannte noch etliche Freunde aus der Jugend, deren Kindheit von angeschimmeltem Brot und Kälte in ungeheizten Häusern geprägt war.
Ada und er hatten nicht viel besessen. Zu jedem Weihnachtsfest war aber eine Kleinigkeit unter der Fichte gelegen, die sein Vater immer eigenhändig im Wald gefällt hatte. Er erinnerte sich an das handgeschnitzte, rot lackierte Flugzeug. Mit einem Schleifchen versehen hatte es am Baum gehangen. Kurt besaß es noch heute.
Verstohlen berührte er die leicht ausgebeulte Hosentasche. Er konnte die beiden Flügel des Spielzeugs ertasten und den Propeller.
Kurt schluckte. Ob er wohl den Mut haben würde, den Spielzeugflieger in das offene Grab zu werfen? Er wollte dem Vater damit nahe sein, denn er hatte den Gegenstand damals mit seinen eigenen Händen geschnitzt.
Hinter sich hörte er die unnatürlich klingenden Schritte seiner Gattin.
Wie kann man nur in solchen Schuhen laufen? Noch dazu auf den Kieswegen eines Friedhofes?, dachte er, aber Theresia interessierte ihn nicht mehr. Zu heftig schmerzten die zahllosen Wunden, die ihm durch ihr arrogantes Auftreten zugefügt worden waren.
Er hatte eine Geliebte namens Petra. Sie arbeitete als Sekretärin in der Getränkefirma. Es war keine ernsthafte Affäre, denn Kurt würde sich trotz alledem niemals scheiden lassen, schon im Hinblick auf Hannah, die er sehr liebte. Die liebevolle Brünette, die von auftoupierten Haaren und Lippenstift nichts wissen wollte, gab ihm immer wieder das Gefühl, begehrt zu sein. Theresia hatte das noch nie getan.
An einem verwitterten Grabmal, welches von sattgrünem Efeu umwuchert war, bog Kurt ab. Die Trippelschritte seiner Tochter und das Gestelze von Theres folgten ihm. Er schämte sich für deren Auftritt. Das Kleid, das sie trug, fand er unpassend für eine Beerdigung. Doch in diesem Moment tauchte eine dunkel gekleidete Menschentraube vor ihm auf, die am Eingang der Aussegnungshalle wartete.
Kondolierungen entgegennehmend bahnte er sich einen Weg durch die Menge. Ein Meer aus Blumengestecken und Kränzen bedeckte den schwarzen Karren, der am Eingang parkte. Ada und seine Mutter Babette standen mit rot geheulten Augen daneben. Unsagbare Trauer überfiel Kurt bei diesem Anblick.
Mit eiserner Disziplin versuchte er die Gefühle zurückzudrängen. Es gelang ihm nur bedingt.
Heulend nahm er seine Mutter in den Arm und erfühlte ihren bebenden, kranken Körper.
Wie lange werde ich sie noch haben?, schoss ihm durch den Kopf.
Aus dem Augenwinkel erkannte er, dass Theres ebenfalls näher gekommen war. Frostig streckte sie Ada eine Hand entgegen und wünschte ihr Beileid. In diesem Moment hätte er im Boden versinken können, wäre da nicht die seltsame Beobachtung gewesen, die ihn unmittelbar aus der Lethargie riss.
Hannah wand ihre kleine Hand aus der ihrer Mutter, trat an Adelheid heran und schmiegte sich an deren Körper. Sie lächelte, genau wie ihre Tante. Beinahe schien es, als würden die beiden ein stummes Gespräch miteinander führen.
Die Tatsache, dass das Mädchen Trost bei Ada suchte und nicht bei seiner Mutter, schmerzte Kurt immens.
Die Glocken im Turm der Aussegnungshalle begannen zu läuten.
Augenblicklich verwandelte sich das Wirrwarr an Gesprächen vor dem Gebäude in ein dumpfes Murmeln. Ein Messner trat durch das pompöse zweiflüglige Eingangsportal aus dunkler Eiche und bat die Trauergäste, einzutreten.
Adelheid nickte ihm zu. Beide nahmen ihre Mutter in die Mitte und schritten die steinernen Stufen nach oben. Theres, Hannah und die gesamten Anwesenden folgten schweigend.
Tränenfördernde Orgelmusik schwängerte das Innere der Halle, die von vielen dicken Kerzen beleuchtet war. Unter einem Steinbogen stand der simple Holzsarg von Georg Pfeifer auf einem Gestell mit Rädern. Weiße und rote Rosen sowie Sonnenblumen umringten in üppiger Pracht die letzte Bettstatt.
Sonnenblumen hat er so sehr geliebt, dachte Kurt und nahm mit der Familie in der vordersten Stuhlreihe Platz.
Seine Hände zitterten leicht, deswegen verschränkte er sie ineinander und legte sie über die Hosentasche, in der der kleine, rote Flieger steckte.
Dann begann die Aussegnung. Der Pfarrer betrat die Halle durch eine Nebentür und begab sich zum Pult neben dem Sarg. Er betete still, bis die Orgel verstummte. Es folgte eine rührende Abhandlung über das Leben des Verstorbenen. Dessen Fleiß und Redlichkeit, sein großes Herz gegenüber Menschen und Tieren und nicht zuletzt seine Unermüdlichkeit, dem harten Dasein in allen Situationen die Stirn zu bieten, wurden gelobt. Georg Pfeifer hatte bis zum Tod gearbeitet, die Familie ernährt und nie an sich selbst gezweifelt. Weder Krieg noch Armut oder Krankheit hatten ihn jemals in die Knie gezwungen.
Der Geistliche endete mit den Worten: »Georg Pfeifer war ein Mann, der den rechten Pfad niemals verlassen hat, selbst wenn ihm etliche Steinbrocken das Wandern mühselig machten.«
Hannahs gestikulierende Arme, die Kurt im Augenwinkel wahrnahm, erregten seine Aufmerksamkeit. Er erkannte, dass Adelheid sich dem Kind zuwandte, den Zeigefinger auf die Lippen presste und ihm signalisierte zu schweigen.
Die Rede war so philosophisch. Das Mädel kann die Worte des Pfarrers gar nicht verstanden haben.
Er runzelte die Stirn. Zwischen seiner Schwester und Hannah schien es eine starke Verbindung zu geben, die ihm bisher verborgen geblieben war.
Kurz huschte sein Blick zu Theres. Sie beachtete ihre Tochter nicht. In ihren Augen schwamm Gleichgültigkeit.
Ist Resl betrunken?
Er wandte sich erneut der Trauerfeier zu, die dem Ende entgegenstrebte. Bald würden sich der Pfarrer und die Totengräber auf den Weg zum Grab machen, wo sein geliebter Vater für immer unter der Erde verschwinden sollte.
Ich werde ein ernstes Wort mit Theresia reden, nahm er sich vor und beobachtete den Geistlichen, der sich gerade vor dem Sarg verneigte. Sie ist Mutter und trägt Verantwortung.
Der endlose Marsch schweigsamer Menschen schlängelte sich zwischen uralten Hochgräbern mit Epitaphien aus dem Mittelalter hindurch, auf denen Namen wie Albrecht Dürer, Veit Stoß oder Anselm Feuerbach standen. Die Pfeifers waren alles andere als wohlhabend, aber die letzte Ruhestätte der Familie existierte bereits seit dem siebzehnten Jahrhundert. Mehrere Generationen der Pfeifers hatten diese, genauso wie das Grundstück am Nordrand von Nürnberg, bis heute bewahrt.
Unter einem prächtigen Ahornbaum hatte man eine tiefe Grube ausgehoben. Vier schwere Balken begrenzten das Loch zu allen Seiten hin. Zwei schmiedeeiserne Ständer, gefüllt mit Rosenblüten, waren davor platziert worden. Der Geistliche wartete stumm, bis die Trauernden sich rund um das offene Grab aufgestellt hatten, dann wandte er sich den Totengräbern zu, die den Sarg mit ernsten Mienen in die Dunkelheit abseilten. Er ergriff eine silbern glänzende Schaufel, steckte diese in den Erdhaufen neben den Balken und ließ schwarze, feuchte Brocken auf den Sargdeckel regnen.
Das dumpfe Geräusch, als Erde auf dem Fichtenholz aufschlug, ließ Kurt das Blut in den Adern gefrieren. Es vermittelte ihm die grausame Wahrheit der Endgültigkeit. Hektisch schob er die rechte Hand in die Hosentasche und betastete den Holzflieger. Seine Finger umschlossen den Rumpf. Das Geräusch, wenn das Spielzeug auf den Sargdeckel träfe, würde vermutlich anders klingen.
»Asche zu Asche! Staub zu Staub!«, drang an Kurts Ohren.
Er beobachtete Adelheid und die Mutter wie in Trance. Sie ließen Rosen in die Grube rieseln. Einzelne Blätter lösten sich von den Blütenköpfen und segelten über dem dunklen Loch, als seien sie nicht bereit, darin zu versinken.
Nun war er an der Reihe und trat vor. Er spürte die Blicke der Anwesenden im Rücken. Mit einem tiefen Atemzug zog er den Flieger aus der Tasche. Doch bevor er die Finger öffnen konnte, stellte sich Hannah vor ihn.
Sie riss die Arme in die Höhe und rief ihm zu: »Papa, nein! Opa möchte nicht, dass du das rote Flugzeug hinabwirfst in das Grab.«
Ihre kindlichen Worte wirkten wie aus einer anderen, fernen Welt. Dumpf und eindringlich erreichten sie seinen Verstand. Aber es war zu spät.
In diesem Augenblick schleuderte Kurts verkrampfte Hand das Spielzeug bereits von sich. Es beschrieb einen Bogen, stieg einen Moment auf in die klare Sommerluft, als flöge es tatsächlich, dann ging es in einen steilen Sinkflug und näherte sich der Grube.
Der heftige Windstoß kam wie aus dem Nichts. Er fegte durch die Frisuren der Trauergäste, die erschrocken quiekten, dann erfasste er das rote Flugzeug und ließ es seitwärts trudeln.
Hannahs Hand ergriff es fast spielerisch, unerklärlich und unheimlich.
Sie betrachtete es liebevoll, bevor sie es ihrem Vater zurückgab.
Kurts Körper erstarrte in Eiseskälte. Was ging hier vor sich?
Der erstickte Schrei seiner Gattin hinter ihm drang wie durch einen Wattebausch an seine Ohren. Einen Moment zögerte er, bevor er den roten Flieger wieder an sich nahm.
»Sieh nur, Papa!« Hannahs Gesicht strahlte. Sie zeigte auf die Balken, die die Grube umgaben. »Opa winkt dir zu. Er möchte, dass du mir auch so ein Flugzeug schnitzt. Dann fliege ich in meinen Träumen ins Regenbogenland. Kannst du ihn denn nicht sehen, Papa? Dort, an der Grube, schau hin!«
Kurts Blick erkannte keinen Toten, der auf dem Grab saß. Seine Augen schwenkten unwillkürlich zum Ahornbaum.
Im flirrenden Licht waberte ein Schatten umher, oder täuschte er sich? Er blinzelte verwirrt.
Ein Schemen, bestehend aus schwarzem Rauch umkreiste den dicken Stamm, bis er sich zu einer Gestalt formierte. Riesige Flügel schoben sich aus dem geisterhaften Rumpf und bewegten sich lautlos auf und ab. Dann hüllten sie sich schützend um das geöffnete Grab.
Ruckartig drehte er den Kopf weg. Es war genug. Sein Verstand spielte ihm nur einen Streich. Das Raunen der Versammelten zwang ihn dazu, Haltung zu bewahren.
Adelheid eilte herbei. Mit Pupillen so groß wie Murmeln zog sie Hannah in die Arme und flüsterte ihr rasch etwas ins Ohr. Das Kind schüttelte zwar den Kopf, ließ sich aber willig zur Seite ziehen. Seine Schwester schaute dem Mädchen tief in die Augen, während sie dessen Kopf streichelte. Gleich darauf schwenkte ihr Blick schlagartig zu ihm, als wolle sie signalisieren: Schweig jetzt, Kurt, und tu so, als sei nichts geschehen.
Allerdings konnte er den wortlosen Rat nicht befolgen, denn im selben Augenblick begann Theresia zu kichern. Erst leise, dann immer lauter, bis sie schließlich hysterisch in die Menge rief: »Mein eigenes Kind ist verrückt! VERRÜCKT! Ich habe ein geisteskrankes Balg geboren.«
Der Geduldsfaden von Kurt Pfeifer riss schlagartig. Er trat an seine Schwester heran und raunte ihr zu: »Nimmst du meine Tochter mit nach Hause? Ich muss hier weg.« Adelheid nickte. Dann machte er auf dem Absatz kehrt, packte Theres grob bei den Schultern und schob sie durch die staunende Menschenmenge weg vom Grab. Ihren Protest und ihr dümmliches Grinsen ignorierte er.
Daheim würde er seiner Gattin in ihrem hauchzarten Georgette-Kleidchen gehörig den Kopf waschen.
Er sah nicht mehr, dass das Gesicht des Pfarrers erbleichte wie eine gekalkte Wand, während er auf das Grab starrte. Irgendetwas Seltsames musste er wohl gesehen haben.
© Eve Grass und Verlag der Schatten
»Welche Farbe tragen Engelsfedern?«
von Eve Grass
ISBN (Taschenbuch): 978-3-98528-030-8
372 Seiten, Preis: 17,00 €
ISBN (epub): 978-3-98528-031-5
Preis: 5,99 €
»Welche Farbe tragen Engelsfedern?«
von Eve Grass
ISBN (Taschenbuch): 978-3-98528-030-8
372 Seiten, Preis: 17,00 €
ISBN (epub): 978-3-98528-031-5
Preis: 5,99 €
Urban Fantasy über das Schicksal einer jungen Frau und deren Familie.
Angaben zur Produktsicherheit:
Hersteller:
Shadodex - Verlag der Schatten, Bettina Ickelsheimer-Förster
Ruhefeld 16/1, D-74594 Kreßberg-Mariäkappel
E-Mail: info@verlag-der-schatten.de
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Diesen Artikel haben wir am Freitag, 16. Februar 2024 in den Shop aufgenommen.